Volvo P 1800 E (fast)

 

Die Kurve genommen.
In einem Volvo P 1800 E.


Vor allem junge Leute drehen sich oft nach ihm um. Oft gehen sie etwas näher ran um das Emblem über dem haifischartigen Kühlergrill zu entziffern. Zu ihrem grossen Erstaunen steht da aber kein italienischer Name. Sondern derjenige von Volvo, den sie zu Recht mit Fabrikaten von kolossaler Eckigkeit in Verbindung bringen. Der P 1800 ist anders. Eine sehr löbliche Ausnahme in der Volvo-Geschichte: ein eleganter, schnittiger und über alle Massen wohlproportionierter Schönling. Finde ich. Und Geschmack ist schliesslich unbestreitbar. Wen wundert’s also, dass der P 1800 auch schlicht und treffend Volvo Sport genannt wird. Die Verwechslungsgefahr mit einem andern Modell der Schweden ist damit gleich Null.


Der P 1800 weckt jedenfalls durch sein Äusseres – wie das in der letzten Ausgabe besprochene Lancia Fulvia Coupé – hohe Erwartungen: Die Schnauze könnte von einem gleichaltrigen Ferrari sein, die Karosse liegt tief und so sexy Heckflossen gab’s an keinem andern Europäer. Trotzdem hat man dieses so andere Markenbild präsent. Volvo. Brummende und heulende – nein, bei Volvo kein Gegensatz – Klumpen mit mindestens fünfköpfigen und schon in den Siebzigerjahren auch im Fond angegurteten Familien, deren verantwortungsvolle Oberhäupter niemals die zulässige Höchstgeschwindigkeit überschritten. Und hier diese Flunder. Muss man nun umdenken? Hat der Hersteller von fahrendem schwedischem Stahl ein Doppelleben geführt, das einem bislang verborgen geblieben ist? Die Hoffnung, dass dem so sei, bleibt jedenfalls bestehen, wenn man sich in den P 1800 einfädelt. Die Sitzposition ein paar Zentimeter über dem Asphalt gefällt. Und ist für gross gewachsene Menschen wie mich eine Sensation, die ich mit ausgestreckten Beinen kaum fassen kann. Das Interieur kennt zwei Generationen. In den Modellen von 1961 bis Mitte 1969, den P1800 und P 1800 S, herrscht fast amerikanisch anmutender Chrom vor. Das passt recht gut zur äusseren Liniengebung, die deutlich im Ende der Fünfzigerjahre angesiedelt ist. In den Modellen ab August 1969 bis 1973, den P 1800 E und den Sportkombis P 1800 ES, sieht man vor sich Plastik und Holzimitat. Was zartbesaitete Puristen heftig berührt zu Boden blicken lässt, aber trotzdem oder gerade deswegen seinen Reiz hat, tönen doch die anstehenden Siebziger mit aller Deutlichkeit an.
So. Jetzt kommt Volvo: Ich starte den Motor. Beim gefahrenen P 1800 E mit Jahrgang 1970 ist das ein Zweiliter mit vier Zylindern und mit – dafür steht das E – damals sehr moderner und heute sehr teurer elektronischer Bosch D-Jetronic-Einspritzung. Der Motorensound ist unverkennbar rauh und brummig, die Maschine hängt aber gut am Gas und geht kräftig zur Sache. 124 (die hie und da anzutreffende Zahl 135 steht für bhp – British Horse Power) und durch klassisches Tuning ein paar mehr PS sind es, die sich sportlich zum Dienst melden. Allerdings ist das Fahrwerk eher auf unendliche Schwedische Geraden ausgelegt als auf Schweizer Kurven. Darum kann ich den sanften Eingriff des Besitzers «meines» Volvo Sport verstehen, der am Fahrwerk etwas hat rumschrauben lassen. Ich entschuldige mich an dieser Stelle nun ernsthaft bei allen Puristen. Und rufe gleichzeitig: Probiert’s doch auch mal aus! Die Kurven kommen wirklich besser. Im Vergleich zum Originalgeschaukel würde ich sogar von Gokartfeeling zu sprechen wagen. A propos Kurven: Der P 1800 E verzögert mit seinen vier Scheibenbremsen nachhaltig und lange ohne Fading. Längere Autobahnfahrten sind ein Klacks: man schiebt im vierten Gang einfach ein Hebelchen am Steuerrad nach unten und der hydraulische Overdrive senkt die Drehzahl wie ein anständiger fünfter Gang. Der Mischverbrauch des «Testwagens» liegt trotz forscher Fahrt bei knappen 10 Litern.


Der P 1800 ist also technisch recht hochwertig ausgestattet. Legendär ist aber die Robustheit dieser Technik. Volvotypisch wurde nicht unbedingt auf kompromisslosen Leichtbau Wert gelegt. So würde wohl das Differential eines P 1800 auch in einem Pinzgauer nicht überfordert werden und die Türen wiegen etwa das Doppelte derjenigen eines MGB. Und es gibt diesen einen P 1800 in den USA, der mit einem Motor mittlerweile weit über drei Millionen Kilometer gefahren ist. Der Volvo Sport, den ich testen durfte, war also mit seinen gut 230'000 Kilometern quasi ungefahren. Das dachte wohl auch der Fahrer des türkisfarbenen Golf 2 mit oberarmdickem Auspuffrohr, der an einer Ampel in Zürich neben mir stand und nicht nur verwunderte Blicke rüberschickte. Sondern auch die bewegende Frage: «Hett er Turbo?».

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