Porsche 911 RS (fast)

 

Die Kurve genommen.
In einem Porsche 911 RS.

Unauffällig war er, schlicht weiss, wunderbar gepflegt und gänzlich original. Und doch hat Michael ihn verkauft, seinen 1972er Porsche 911 E. Im Jahre 2006 schrieb ich darüber in dieser Reihe noch „Sein Porsche ist weiss mit rotem Interieur. Die Form ist in meinen Augen die purste, eindeutigste von aller 911ern. Ohne Verbreiterungen, ohne Spoiler, ohne Effekthascherei.“ Und jetzt ist er weg und hat Platz gemacht. Platz für Verbreiterungen, Spoiler und Effekthascherei. Denn so sieht Michaels Neuer aus, wie ich mit mühsam unterdrückten Tränen in den Augen feststellen muss: ein knallorangeroter Rennelfer auf Basis eines 1973 E mit RS lightweight Modifikationen.

Nach meinen Oden auf Originalität und Bescheidenheit leicht persönlich beleidigt, fange ich an, nach den Gründen dieses Sinneswandels zu bohren. Und die Erklärungen sind so bündig wie nachvollziehbar: Michael erfreute sich zwar an den Fahrleistungen seines ursprünglichen weissen Bijous und doch fuhren ihm immer wieder starke Modelle wie die R oder ST um die Ohren. So wurde er angefixt, dass da durchaus mehr drin liegt. Nun ist es aber so, dass originale Modelle mit besagten Kürzeln einerseits ab 150'000 Euro kosten und andererseits – oder eben deshalb – zu schade sind, um sich mit ihnen auf Rennstrecken zu tummeln. Pragmatisch findet er: „Der Unterschied ist doch nur ’ne Chassisnummer, der Rest ist bei meinem gleich, wenn auch nachgebaut“.

Weiterhin verstockt murrend zwänge ich mich hierauf in den engen Beifahrer-Rennsitz, bemerke aber doch gleichzeitig aus dem mittlerweile wieder trockenen Augenwinkel anerkennend den ausgeräumten Innenraum. Dann startet Michael den Motor – und mir stellen sich alle Körperhaare gen Himmel. Einen derart brachial-dreckigen Sound hatte noch keines der Fahrzeuge, von denen hier seit Erscheinen dieses Magazins die Rede war. Je nach Tourenzahl oszillieren die orgiastischen Geräusche aus dem bebürzelten Heck mit seinen zwei armdicken Chromstahlrohren zwischen Brummeln, Brabbeln, Jaulen und Erbrechen. Eine hierauf kurzerhand angeforderte Fahrt auf ein respektables Berglein führt dazu, dass auf der Passhöhe ein Trupp Motorradfahrer, die das 911er-Gebrüll wohl schon ein Weilchen nahen hörten, am Strassenrand stehen und unsere Vorbeifahrt spontan mit einer Welle begleiten!

Solche Ereignisse von sportgeschichtlicher Dimension gehören untermauert durch einige Fakten für das Vorstellungsvermögen der Daheimgebliebenen – wenn sie auch aufgrund fehlender Werksangaben teilweise auf Erfahrungs- und Vergleichswerten beruhen: rund 250 PS aus dem heiligen Dreiliter-Sechszylinder-Boxermotor treiben uns über die Wege, wo einst Postkutschen mit ein paar wenigen Pferden zu verkehren pflegten und der Spurt von null auf 100km/h findet in gut fünf Sekunden statt. Die Beschleunigung hört ungefähr bei 250 km/h auf. Des Weiteren ist das Auffälligste am Interieur, dass es keins gibt. Ausser einem Käfig und den Schalensitzen. Ansonsten findet sich hier nichts, was man zum Fahren nicht braucht. Dafür findet man etwas versteckter ein Rennfahrwerk und grosse Turbobremsen. Soeben angepasst wurden auch weitere Merkmale, die für die Erlangung des FIA-Passes verlangt werden: ein geschäumter Tank, ein Abschlepphaken, ein Stromunterbrecher, ein Feuerlöscher etc. Derart ausgeräumt bzw. ausgestattet hält der Renner mit links moderne Elfer – 964er, 993er oder 996er – auf Distanz. Das ist faszinierend, weil im Vergleich so herrlich mechanisch: Ventile auf, viel Benzin rein, wumms! Dann die "nur“ 950kg runterbremsen, mit dem Grip der Rennreifen in die Ecken und wieder rausbeschleunigen.

Solches führt dazu, dass Michael jeweils nach etwa drei Tagen Abstinenz von seinem Gerät ein unerträgliches Ziehen in der Brust verspürt. Das nennt man wohl Sucht. Beim Vorgänger kannte er solche Gefühle zwar auch. Anders Süchtige würden von unterschiedlichen Nikotin- oder Prozentgehalten sprechen. Und meine initialen Tränen der Enttäuschung sind ebenso schwer unterdrückten Freudentränen gewichen.

 

Aus: SwissClassics - Das Oldtimermagazin der Schweiz, Heft 23-3/2009.
Autor: Christoph von Arb

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