Alfa Romeo Giulia 2000 GT Veloce

BMW 2002 Touring

 

Wie wird ein ganz profanes Durchschnittsherz zu einem Cuore Sportivo? Liebe Alfisti, ich kenne das Patentrezept nicht. Aber den Mark. Und dessen automobiler Werdegang mag als prototypische Antwort auf die Frage gelten.

 

Als Mark noch so klein war, dass er Autoauspuffe kaum überragte und sich darum motiviert deren Reinigung mittels seiner pummligen Ärmchen hingab, war er in keine automobile Richtung gepolt. Zwar wunderte sich seine Verwandtschaft, dass er Onkel und Tanten nicht nach Namen, sondern nach Automarken unterschied, doch Vorlieben für eine bestimmte davon waren nicht auszumachen. So wird es überliefert.

 

Papi aber fuhr ein Giulia Coupé und dieses war und ist Marks früheste automobile Erinnerung (ein Meilenstein im Leben jedes Mannes, dem ersten Erwachen mit feuchter Pyjamahose gleich). Der heranwachsende Sohn wurde darin regelmässig zur Schule gefahren. Diese Erfahrung im Giulia Coupé und unzählige Ferienfahrten im Familienwagen Berlina prägten Mark. Und wurden für ihn der Inbegriff stilvoller und notabene zuverlässiger Fortbewegung. So verwundert es weder, dass mit 18 Jahren auf einem Alfa Sprint Veloce der Führerschein gemacht wurde, noch dass das erste Auto ein zwar unerträglich hässlicher und spottbilliger Alfa Arna – aber eben ein Alfa war (der, soviel sei zu seiner Ehrenrettung erwähnt, den Freitod durch Vergaserbrand einer weiteren Existenz unter lauter schöneren Autos vorzog). Gegenwärtig nennt Mark einen Alfa 156 Sportwagon und eben das Giulia Coupé von 1972 sein eigen.

 

Auch Menschen, die kein Cuore Sportivo in sich tragen, sondern wie ich der Marke Alfa Romeo neutral gegenüber stehen, müssen von der gelungenen Form des Giulia Coupés begeistert sein. Bertone schuf damit eine echte Bellezza. Das knackige Hinterteil gibt der schlichten Figur sowohl Schmiss wie auch Grazie und man mag sich wundern, dass Alfa Romeo 1977 mit einem kantigen Keil namens Giulietta diese Form kurzerhand umgedreht hat. Sei’s drum. Die rote Giulia von Mark lädt jedenfalls zu näherer Begutachtung im Innenraum und lässt die Begeisterung weiter wachsen: Super bequeme und straffe Sitze versprechen Halt in zügig durchmessenen Kurven, einige Holzteile verströmen das nötige Mass Grandezza, liebevoll verstreute Kippschalterchen laden zum Spielen und Fummeln und die Armaturen sind möglichst unergonomisch aber cool angeordnet. Puristen mögen hier ihren von Gicht gekrümmten Zeigefinger erheben und mit knarriger Stimme auf die viiiiel schönere Vorgängerversion 1750 verweisen. Geschmackssache, werte Brüder im Geiste, Geschmackssache! Was man aber beachten muss ist, dass der 2000 GTV zusammen mit den Modellen Berlina 2000, Alfetta und Sud und der mit ihnen einhergehenden teilweisen Produktionsverlagerung gen Süditalien vermutlich einen einschneidenden Wendepunkt in der Geschichte von Alfa Romeo hin zu abnehmender Fertigungsqualität markierte. Darum ist auch heute das grosse Problem der Giulia der Rost. Sie im Regen stehen zu lassen ist in etwa dasselbe, wie eine umwerfende rothaarige Frau bei vierzig Grad im Schatten, den’s nicht gibt, im australischen Outback auszusetzen: Es tut ihr nicht gut. Marks Coupé ist aber in einem prima Zustand. Zumal die Mechanik eher als robust und langlebig gilt.
Die nehm’ ich mir jetzt mal vor und fahre mit Mark raus in die Hügel. Mit einer Leichtigkeit, die an ein viel moderneres Auto gemahnt, hat man den Wagen sofort im Griff. Der typische sonore Sound und die beachtliche Agilität der 132-PS-Zweilitermaschine machen viel Freude. Es geht so weit, dass man immer weiter fahren möchte. Das kann man auch recht lange, denn der Verbrauch ist selbst bei zügiger Gangart moderat.

 

Durch einen klitzekleinen Eingriff in das Fahrwerk und die sexy Tiefbettfelgen liegt die fahrende Italianità satt auf der Strasse und lässt sich spurtreu auch durch enge Haarnadeln pressen. Ich gebe zu, an diesen Wagen könnte ich auch ohne entsprechende Prägung mein Herz verlieren. Das wäre dann ein Cuore Sportivo. Oder noch nicht?

 

Aus: SwissClassics - Das Oldtimermagazin der Schweiz, Heft 07-3/2005.
Autor: Christoph von Arb

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