Alpine A110 S Gruppe 4

Peugeot 104 ZS

 

Der Himmel ist blau. Leuchtend hellblau. Genau so leuchtend hellblau wie die Flunder, die soeben auf mich zugeschossen kommt. Ich hab ihr giftiges Röhren schon vor einer Minute gehört. Immer lauter ist es geworden. In einem Film stünde jetzt der jugendliche Jean Paul Belmondo am Rand einer Küstenstrasse in Südfrankreich, in Begleitung einer kürzestbehosten und ebenso attraktiven wie unbedarften Dame, dazu erklängen Spannung erzeugende Streichersätze zur akustischen Untermalung der Szenerie. Auf dem Lastwagenparkplatz im Aargau, wo ich mit Sven verabredet bin, riecht’s allerdings weniger nach Côte d’Azur als nach mittelländischer Langeweile. Schön, dass Sven sie mir vertreiben will.

 

Das geeignete Mittel dazu hat er: Eine Alpine A 110 1600 S Gruppe 4 des Jahrgangs 1970, genannt Berlinette, was auf Französisch „kleine Limousine“ heisst. Das ist insofern irreführend, als die A 110 das Sinnbild eines Coupés ist. Egal: Schon als Sven mit der kleinen Limousine neben mir anhält und aus dem Seitenfenster auf Kniehöhe rausgrinst weiss ich, dass das Auto seiner Bezeichnung mehr als gerecht wird: Ich werde brav vom Beifahrersitz aus meine Eindrücke sammeln und Fragen stellen dürfen, aber hinter das Steuer pass ich mal wieder nicht. Nach ein wenig trivialpsychotherapeutischer Aufbauarbeit seitens Sven habe ich aber meine Enttäuschung verarbeitet und die Sinne wieder frei für das Schöne im Leben. Zum Beispiel die A 110. Dieses Auto hab ich schon in den frühen Siebzigern bewundert. Zu jener Zeit bastelten 350 enthusiastische Mannen im französischen Dieppe in Handarbeit die Alpines zusammen und lehrten die übermächtigen Rallyekonkurrenten Lancia und Fiat das Fürchten. 1962 erstmals vorgestellt, wurde die A 110 laufend weiter verbessert und auch ihre Leistung kontinuierlich erhöht. Damals schon war das kleine Auto mit seinem dank Kunststoffbauweise lächerlichen Gewicht um die 700 kg ein Faszinosum und ist es bis heute geblieben. Trotz seiner Abmessungen wirkt es nämlich nach allen Regeln der grossen, weiten Automobilwelt erwachsen und äusserst aggressiv. Ich glaube, jeder Laie kann beim Anblick dieser Form erahnen, dass sie für ernsthafte Renneinsätze gestaltet worden ist. 

 

Die A 110 war ein äusserst erfolgreiches Wettbewerbsfahrzeug: ohne Anspruch auf Vollständigkeit zähle ich über 150 Siege in nationalen und internationalen Rallyeprüfungen und Strassenrennen und als Krönung den Rallyeweltmeistertitel im Jahr 1973. Bei Fiat und Lancia raufte man sich die Haare. Und Sven weiss warum: Vor seiner A 110 fuhr er einen Fiat 124 Abarth, einen direkten historischen Konkurrenten. Auch der Italiener ist ein spassiger Sportler, Sven aber lässt kaum den Vergleich gelten, so gross sei der Unterschied zwischen den zwei Wagen. Der Fiat habe weniger Gewicht auf der Hinterachse und dadurch einen krass schlechteren Grip als die Alpine, die aber insgesamt trotzdem 200 kg leichter ist. Und Sven weiss, wovon er spricht: Er nimmt mit seinem eingespielten Beifahrer Michael erfolgreich an historischen Rallyes teil. An richtigen Rennen also, nicht an Gähnkrämpfe verursachenden Regelmässigkeitskriechfahrten oder Spazierparcours für aufpolierte Gutbetuchtenspielzeuge.

 

Der Platz des Beifahrers ist eng und so sportlich wie alles an diesem Auto. Die Sitzposition wenige Zentimeter über Boden lässt Lastwagen in den Himmel wachsen, könnten wir unter denen durchfahren? Sven startet den Motor, die fiese Mischung aus Rasseln und Brummen aus dem Heck macht schon im Stand neugierig darauf, zu was sich diese Geräusche im Innenraum noch auswachsen werden, wenn erst einmal Betriebstemperatur und -laune erreicht sind. Sven eröffnet mir in behutsamer Steigerung allmählich die Möglichkeiten der A 110, einem Vorspiel gleich, bei dem die Lust nach mehr schier unerträglich wird. Die Strassen des Schweizer Mittellandes werden für einmal zum Erlebnis. Die Kurvengeschwindigkeiten der A 110 sind mit dem wirklich unglaublichen Grip und der brettähnlichen Strassenlage schlicht berauschend, der Wagen bleibt unbeirrt in der einmal eingeschlagenen Spur, solange es sich um eine Kurve handelt. Und Kurven sind so sehr das Terrain der A 110, dass sie auch auf geraden Strecken Kurven fährt. Diese Schlenkerei ist einigermassen gewöhnungsbedürftig, aber offenbar ist es ein Merkmal ihres Charakters dass die A 110 ihren Weg selber sucht. So bewegen wir uns sehr sehr zügig in Schlangenlinien über Land. Denn die Beschleunigung ist ebenso beeindruckend wie die Verzögerung, das ist einfach ehrlicher Fahrspass pur, ohne Komfortschnörkel und unnötige Lärmdämmung (den Auswuchs des anfänglichen Rasselns und Brummens würde ich vorsichtig als frenetisches Brüllen bezeichnen) – da möchte man vor Begeisterung jauchzen. 

 

Natürlich hilft die Ausrüstung kräftig mit: modifizierter Motor mit 145 PS, Ferry-Nockenwelle für ein mächtiges Drehmoment im Rallyebetrieb, breite Kotflügel, welche die 7- und 9-Zoll-Felgen und ihre Michelin TB 5/15-Reifen beherbergen, direkte Lenkung für den Go-Kart-Effekt, grosses, verstärktes 364-Renngetriebe, Sperrdifferential und selbstverständlich die komplette Sicherheitsausrüstung nach FIA-Norm.

 

Das sind die Eckdaten einer perfekten Fahrmaschine. Sie hat mittlerweile auch mir dieses hartnäckige, für weniger Eingeweihte schwer nachvollziehbare Grinsen ins Gesicht gezaubert. Da hab ich mein blaues Wunder erlebt. Mein hellblaues, um genau zu sein.

 

Aus: SwissClassics - Das Oldtimermagazin der Schweiz, Heft 11-3/2006. 
Autor: Christoph von Arb

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