Citroën DS Cabriolet

 

Wir sind unterwegs im Wallis. Ich in meinem Volvo P 1800 und Cyrille in seinem Citroën DS Cabriolet. Unterwegs in ein Bergdorf namens Törbel. Es beförderlich zu erreichen, verlangt unsern Untersätzen aus dem Seniorenheim an diesem warmen Nachmittag einiges ab, steil ist die Strasse, eng sind die Kurven. Und weil wir schon ein Weilchen unterwegs sind, haben wir etwas Stalldrang. Etwas anderes treibt mir aber zusätzlich einen Schweisstropfen auf die lichte Stirn: Die DS vor mir droht aus meinem Blickfeld zu entschwinden. Das kann nicht sein! Ich habe mehr PS und mein Auto sieht doch viel sportlicher aus, das muss reichen, am sexy Hintern der Göttin zu bleiben. Ich verlange meinem Schwedenstahlberg das Letzte ab und so kommen wir gleichzeitig, mit Autos, die seltsame Gerüche verbreiten, einem staunenden Gesicht und einem breiten Grinsen in Törbel an. Eines ist klar: Mein Interesse an der Franzosenschaukel ist geweckt.

 

Dasjenige von Cyrille wurde schon viel früher geweckt. In grauer Vorzeit noch ein überzeugter Audifahrer, nahm ihn mal ein Kollege in einer DS mit. Cyrille kam aus dem Staunen nicht heraus, wie geschmeidig das Mobil Kurven wie auf Schienen durchfuhr und wie mittels einer Vollbremsung eine Situation gemeistert wurde, die, im Audi unterwegs, diese Kolumne wohl unmöglich gemacht hätte. Er kaufte sich kurz darauf die erste von einigen DSen.

 

Als ich anderntags auf dem Parkplatz in Törbel meine heiligen Volvoschlüssel einem Kumpel anvertraue und mich mit Cyrille zur DS begebe, finde ich diese natürlich noch immer nicht sportlich. Vielleicht gefährlich für meinen Elchzähmer, aber nicht sportlich. Sie ist hingegen unendlich elegant, majestätisch, edel und erhaben. Die unbeschreiblich schnittige – bald gehen mir die Adjektive aus – Tropfenform wurde in einer derart kompromisslosen Konsequenz verwirklicht, dass der Konkurrenz bei ihrer Präsentation der Mund wochenlang offen gestanden haben muss. Als dann der Carossier Henri Chapron in Paris auf Kundenwunsch anfing, aus den Limousinen Cabrios zu schustern, war die Revolution perfekt. Citroën kaufte sich den Kerl schon bald und liess ihn die Cabrios als serienmässige DS-Modelle bauen. Cyrille war mit ein paar Freunden an der Versteigerung des Nachlasses von Henri Chapron in Paris und schwor sich anlässlich dieser sektiererischen Versammlung, nicht früher zu ruhen, als dass ein Cabriolet sich sein Eigen nenne. 1989 war es soweit und er kaufte das eierschalenweisse Cabriolet mit Jahrgang 1963. Ich setze mich soeben in dessen rote Clubsessellandschaft, möchte mein Béret zurechtrücken, mir einen Pernod servieren lassen und bei einer Gauloise Bleu die Le Monde durchblättern, da stört mich ein startender Motor. Er schnurrt fröhlich und unaufdringlich, und wie ich ja schon erfahren durfte, reichen die 112 PS aus 2100 ccm für ein frisches Fortkommen, auch bergauf.

 

Nachdem wir die Plätze getauscht haben und ich auf dem kutschbockähnlichen
Navigationsstand throne, erklärt mir Cyrille all die befremdlichen Eigenheiten der DS. Die Hydraulik, die nicht nur das Fahrstuhlgefühl nach dem Starten des Motors erzeugt, sondern auch das sänftenartige Fahrverhalten. Den pflaumengrossen Gummiknopf im Fussraum, der die Bremse darstellen soll. Den Schaltstock an der Lenksäule. Diese Dinge und einige
staunenswerte Kleinigkeiten mehr machen die ersten Kilometer zum Abenteuer: Das Schalten geht nicht wie von selbst, wenn man sich die Knüppelschaltung gewohnt ist. Die ersten Bremsversuche könnten auch als Liegestütze herhalten – es ist unglaublich, wie die kleinste Krümmung des grossen Zehennagels die DS wie einen Bock stillstehen lässt. Dabei geht sie ungewohnterweise nicht nur vorne in die Knie, sondern macht einen Knicks über beide Achsen. Mit jedem gefahrenen Meter aber möchte man nichts anderes mehr erleben, so wohl fühlt man sich in diesem phantastischen Véhicule. Dass einem dabei auch noch der Herbstwind, der übrigens immer wie frisch von der Côte riecht und sich von der aufrechten Frontscheibe unbeeindruckt zeigt, um die Ohren pfeift, ist schlicht magnifique.

 

Eine brandneue Studie der ETH Zürich besagt übrigens, dass Citroën die treuesten Kunden aller Automarken hat. 72% der Neuwagenkäufer, die vorher einen Citroën fuhren, kaufen sich wieder einen solchen. Da ich nicht annehme, dass alle Citroëns die gleiche Wertentwicklung durchmachen wie das DS Cabriolet, das heute mehr als dreimal so viel wert ist wie die 40'000 Franken anno 1989, muss diese Treue an der Faszination einer heute zum Glück wieder innovativen Automarke liegen. Nachdem ich mich vom grandiosen DS Cabriolet habe verzaubern lassen und mir definitiv keine Adjektive mehr einfallen, kann ich diese Faszination verstehen.

 

Aus: SwissClassics - Das Oldtimermagazin der Schweiz, Heft 13-1/2007.
Autor: Christoph von Arb

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Citroen DS Kombi

 

Es gibt diese Menschen, die sich, egal was um sie rum passiert, unglaublich fokussieren können. Die quasi mit einem vielleicht nicht permanenten, aber doch sekundenschnell abrufbaren Tunnelblick durch die Unwägbarkeiten unserer Welt schreiten. Cyrill ist so einer. Wenn er was im Sinn hat, dann hat er das im Sinn. Und nichts anderes.

 

Diese Haltung hat er auch auf seine automobilen Präferenzen übertragen. Schon lange nennt er ein Citroën DS Cabriolet sein Eigen und seinen Schatzzzz. Jetzt hat er sich einen Citroën DS Kombi von 1973 dazugekauft. Cyrill meint (natürlich, Tunnelblick!), das sei das gleiche Auto in zwei Ausführungen. Das kann man so sehen, wenn man unbedingt will. Man könnte aber auch sagen, eines ist die schöne, das andere die funktionale Version der gleichen Idee. Die Göttin und ihr Handwerker, sozusagen.

The Beauty and the Beast.

 

Cyrill hat als Infomaterial zu diesem Bericht geschrieben: «In der Geschichte der Citroën DS ist auffällig, dass man anfänglich nur die Cabrios beachtet hat, dann die ca. 1,5 Millionen Limousinen und daneben hat man die Kombis fast vergessen.» Nun ja. Wen wundert’s.

 

Bewegt man sich mit den beiden Déessen von Cyrill in der Öffentlichkeit, gibt es regelmässig Reaktionen vom Strassenrand und von der Gegenfahrbahn. Bei der eleganten Exotin Cabriolet sind das: grosse Augen, gehobene Daumen, gezückte Fotoapparate und Handys, Verbeugungen, Applaus, Weihrauch, Stossgebete und so weiter. Beim Kombi ist es mehr Ausdruck der Verwunderung und des Staunens, dass es so etwas tatsächlich einmal gegeben hat: eine vielversprechend elegante Front, die in eine Aquarium-artige Fahrgastzelle übergeht und schliesslich in eine lange Kiste – 5,14 Meter inklusive Anhängerkupplung – mit LKW-Rückleuchten und klobigem Dachüberhang mündet. Und warum, in aller Welt, fehlen die Abdeckungen der Hinterräder, die die Tropfenform von Limousine und Cabrio so fantastisch betonen? Egal. Denn: Das sind nur Äusserlichkeiten, und wir wissen ja, was wirklich zählt.

 

Darum rein in die gute Tube. Der DS Kombi hat sieben Plätze und, man glaubt es kaum, derart viele liebevolle, funktionale Details, dass man sachte beginnt, Cyrills Begeisterung zu verstehen. Der Klappmechanismus der im Kofferraumboden integrierten Zusatzrücksitze ist ein mechanisches Meisterwerk grossartiger französischer Ingenieure. Das an der unteren Kofferraumklappe montierte Kennzeichen wird beim Öffnen naturgemäss gegen den Boden gedreht und ist nicht mehr sichtbar. Damit die französischen Weinbauern und Schlossdachdecker aber auch mit geöffneter Klappe fahren konnten (Weinfässer! Schlossdachlatten!), erhielten sie beim Einlösen eines DS Kombi zwei hintere Kennzeichen – eines, das man bei geschlossener Klappe sieht, und eines für den geöffneten Zustand.

 

Genau diese exaltierte Detailliebe ist es, die einen beim DS Kombi in den Bann schlägt. Und natürlich kann man mit genug Fokus auf die technische Brillanz auch dem Äusseren genug Schneid abgewinnen. Dass ein Auto von Cyrill in perfektem, unverbautem und über Jahrzehnte bis ins Detail dokumentiertem Zustand ist, muss man eigentlich nicht erwähnen. Machen wir aber trotzdem.


Autor: Christoph von Arb