Ford Mustang Coupé

 

Warum sich Martin keinen Lada oder Tatra gekauft hat, ist klar: Er ist Tscheche. Vollbluttscheche. Sohn von Eltern, die 1968 dem sowjetischen Getöse in der damaligen Tschechoslowakei entflohen. Ist es also tiefenpsychologisch erklärbar, dass er sich ein amerikanisches Auto – mithin das amerikanische Auto – gekauft hat? Oder bietet der Ford Mustang mehr als ein Lebensgefühl? Ich versuchte, es zu erfahren.

 

Der Ford Mustang startete mit den ersten Modellen im Jahr 1964 und entwickelte sich innert kürzester Zeit zu einer Erfolgsgeschichte, wie man sie selten findet. Der hier beschriebene 65er in Coupéform ist also einer aus der Mustang’schen Frühzeit. Ohne die unsäglichen «Weiterentwicklungen» in Form von Wülsten, Hutzen und ähnlichen Designer-Würfen späterer Modelle. Im Gegenteil, der Wagen wirkt fast grazil, so wie es auch seine Brüder Fastback und Cabriolet tun. Welche dieser drei Ursprungsformen die schönste ist? Darüber wurde schon so viel geschrieben, dass ich es getrost lassen kann. Ausser vielleicht dies: Der Fastback ist der schönste. Jedenfalls war der Mustang für die Amis ein Kleinwagen. Und ästhetisch eine Revolution, weil er mit seiner schlichten, geglätteten Form in eine Zeit hinein geboren wurde, in der Heckflossen, Rundungen und glänzender Zierrat die Norm waren. Das muss ein Grund sein, warum er auch in Europa so grossen Anklang fand. Er vereinigte – in seinem Äusseren – das Bullige und Aggressive amerikanischer Autos mit der schlichten Eleganz und Sportlichkeit europäischer Pendants jener Zeit.

 

Der Mustang von Martin trägt die offizielle Farbbezeichnung Springtime Yellow. Das Dach ist schwarz. Ich denke Surfer, Gangster, Steve Mc Queen, California, Indianer, John F. Kennedy – was er wohl bei andern Leuten für Assoziationen auslöst? Egal. Er macht’s einfach. Das ist Teil seines Mysteriums und seiner Anziehungskraft. Das war es auch, was Martin faszinierte. Und natürlich vieles mehr. Zum Beispiel das feine Wummern des V8 nach dem Starten, das spürbare Einrasten der Automatik, das filmreife Losrollen. Sind wir wirklich in der Schweiz? Ist das nicht der Sunset Boulevard, über den wir gleiten? Es spielt keine Rolle: Im Mustang ist man in einer eigenen Welt, das beginne ich langsam zu erahnen und begreifen, nachdem wir ein Weilchen gefahren sind. Ich blicke über die endlos lange, in den Wind gestreckte Motorhaube und cruise übers Land. Cruisen, gleiten, die Landschaft erleben. Tom Jones singt dazu «It’s not unusual». Ich finde schon.

 

Wie aber in der Schweiz üblich und im Rubrikentitel angekündigt, hat auch die schönste Mustangstrecke ein Ende und es kommt eine richtige Kurve. Wir begeben uns auf feindliches Gebiet. Mit seinen leider nur für amerikanische Verhältnisse bescheidenen Dimensionen und der Dreigangautomatik bewegt sich der anderthalb Tonnen schwere Wagen auf Serpentinen ähnlich flink wie Ottfried Fischer, der Bulle von Tölz, in einem eng gestuhlten Strassencafé. Immerhin darf man die Richtungsänderungen unterstützt von einer mit dem kleinen Finger zu bedienenden Servolenkung meistern. Wenn zu den Biegungen auch noch Gefälle hinzu kommt und die Bremsen in die Pflicht genommen werden, wird’s erst richtig spannend. Auch kräftige Bremspedaltritte nützen nach einer Weile Talfahrt nur noch mässig. Drum: Anhalten, Lucky Strike rauchen, Aussicht in die Prärie geniessen und die Gedanken schweifen lassen. Gute und originale Mustang Coupés zu einem fairen Preis sind recht schwierig zu finden. 15 bis 20 Tausend Franken sollte man investieren wollen. Das Cabriolet ist markant teurer, der Fastback viel schwieriger zu finden. Dabei ist es selbstverständlich Geschmackssache und grenzt schon wieder an einen Philosophienstreit, ob einem die hinten runter hängende Originalversion mit den relativ schmalen Reifen gefällt, oder ob der Wunsch-Mustang bulliger daherkommen soll, mit Chromfelgen, hinten etwas aufgebockt. Ich plädiere bei einem Mustang der Anfangsjahre für die Originalität. Will man ein Auto mit einer Muscle Car Anmutung, dann sollte man nicht einen alten Mustang verhunzen, sondern einen jüngeren kaufen. Die haben, wie eingangs schon erwähnt, mannigfache Verbreiterungen, Lufteinlässe und vieles mehr verpasst bekommen.

 

So. Die Bremsen sind abgekühlt. Ich lege wieder los und lasse mich von der bulligen Kraftentfaltung der 200 originalen Mustangstärken begeistern. Der Achtzylinder brabbelt, heult und stampft und die Front hebt sich, so dass man nur noch den Himmel vor sich hat. Grossartig. Da nimmt man es gelassen, wenn in einer langgezogenen Kurve mit Getöse und Geschepper die Träume über Route 66 und ähnliche Themata unterbrochen werden: Wie ein Überschallfrisbee fliegt ein Raddeckel in lustigem Bogen über die Gegenfahrbahn in den daneben verlaufenden Bach. Martin hat trotz dem Rumwaten im eisigen Wasser ein Grinsen auf dem Gesicht. Er kann dem Mustang einfach nicht böse sein. Schliesslich ist es sein Traumwagen. Und Traumwagen sein kann dieses Auto irgendwie besser als andere. Als Ladas oder Tatras sowieso.

 

Aus: SwissClassics - Das Oldtimermagazin der Schweiz, Heft 03-3/2004.
Autor: Christoph von Arb

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