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Hudson Hornet

 

Oder wie man einen berühmten Filmstar und vielfachen NASCAR-Sieger zu sich nach Hause holt.

Wir schreiben das Jahr 2006. Der Pixar-Animationsfilm „Cars“ feiert grosse Erfolge bei Millionen von jungen und alten Autobuben. Die jungen Semester dürften sich dabei vor allem in Lightning Mc Queen, dem vorlauten, ungestümen und schnellen Top-Shot-Rennwagen wieder erkannt haben, während bei den älteren Semestern Doc Hudson – in der Originalversion gesprochen von Leinwandgott Paul Newman – besonders gut angekommen sein muss, ein vom Leben ernüchterter und darum grummliger, aber liebevoller und irgendwie cooler Kauz. Im Verlauf der Geschichte stellt sich heraus, dass der unscheinbare Doc unsagbare Erfolge als Rennfahrer gefeiert hat und schliesslich bringt er dem frechen Lightning nicht nur Manieren, sondern auch Werte und vor allem gekonntes um die Kurven Driften bei. Er ist also der eigentliche Held des flotten und typisch amerikanischen Plots.

Diese Gedanken müssen es gewesen sein. Diese Gedanken und daraus gezogene Schlussfolgerungen: Doc Hudson ist Vätern, die mit ihren Söhnen im Kino waren ans Herz gewachsen. Diese Väter haben Geld. Mit diesem Geld will sich ganz sicher der eine oder andere Vater so einen Wagen kaufen. Einen Doc Hudson, der im realen Leben ein Hudson Hornet ist. Gezogen hat diese Schlussfolgerungen ein Automechaniker und Werkstattbesitzer in Deutschland – und auch danach gehandelt: Er hat einen Hudson Hornet aufgetrieben, und importiert, vielleicht müsste man noch das eine oder andere richten. Komplett nachvollziehbar, wenn nicht sogar schlau, oder nicht? Er wollte bereit sein für die voraussehbare, unbändige Nachfrage nach Hudson Hornets.

Doch er hatte trotz seiner Erfahrung die Unwägbarkeiten von Oldtimern unterschätzt und sich just einen Wagen angelacht, bei dem es nicht das eine oder andere zu richten, sondern eine Vollrestauration durchzuziehen gab, wie sich nach eingehender Untersuchung ergab. Kein Problem, man ist ja Spezialist. Doch das Unternehmen dauerte, wohl auch wegen des doch recht exotischen Fabrikats, so lange, dass mittlerweile längst der „Cars“-Sequal durch die Kinos gezogen war und kein Hahn mehr nach einem Hudson Hornet schrie. Keiner ausser Michel Vock. Dieser autoverrückte Kerl hatte schon immer ein ausgeprägtes Interesse für Marken, deren Namen Laien allenfalls für Socken oder Zahnpasta halten. So hat er schon lange vor „Cars“ ein Faible für den Hudson Hornet entwickelt und seit Jahren unregelmässig das Internet nach Bildern des Wagens durchstöbert. Und ist, Sie vermuten richtig, über das Angebot des vorbeschriebenen Garagisten gestolpert. Nicht in einem der üblichen Auto-Portale oder auf einer Klassiker-Website, wohlgemerkt, sondern via eines Bildes des Wagens, das ihm so gefiel, dass er über dessen Ursprung an den Verkäufer gelangte. Der Hudson war noch gar nicht offiziell zum Verkauf angeboten. Beziehungsweise er wurde es dank Michels Nachfrage, und zwar preislich in einer Höhe, die Paul Newman ungläubig hätte fluchen lassen. Michel seinerseits bot frech die Hälfte. Das war, auch wenn es so scheint, nicht unfreundlich gemeint, sondern einfach das, was er zu zahlen bereit war.

Soweit auseinander diese Ausgangspunkte auch gelegen haben mögen, man wurde sich rund zwei Jahre später einig: Der Garagist restaurierte sich die Hände wund und Michel rief alle paar Monate mal an und erneuerte sein unanständiges Angebot – bis der Hammer mangels weiterer Gebote zähneknirschend fiel und somit ein perfekt restaurierter Hudson Hornet seinen Weg von Deutschland nach Winterthur fand.

Doch jetzt in Medias Res, denn das lohnt sich. Michel Vocks Hornisse ist dank der umfangreichen und, man muss es so sagen, liebevollen Restauration in einem beneidenswerten Zustand und in den Augen des Autors eine reine Augenweide. Der 1850 Kilogramm schwere Zweitürer aus dem Jahr 1953 ist eine Mischung aus eleganter Badewanne, sportlich geduckter Raubkatze und festlich glitzernder Kutsche für die typische gutbürgerliche amerikanische Familie der1950er-Jahre. Seine eindeutige formale Verankerung in jener Nachkriegszeit verdankt der Hudson neben seiner tropfenförmigen Linie den einigen Dutzenden Kilo Chromzierrat, die sich grosszügig rund um die Karosserie verteilt finden. Das Design des Hornets ist einerseits typisch für seine Zeit, andererseits aber doch unverwechselbar – selbst für Menschen, die die Amischlitten aus den Fuffzigern sonst nicht voneinander unterscheiden können. Die bullige und doch schnittig-gedrungene Form, die Aufteilung von (viel) Blech und (wenig) Glas, die hinter Kotflügelkappen versteckten Hinterräder, all das sorgt für einen unverkennbar eigenen Auftritt. Noch spezieller wird’s dann unter der monströsen Motorhaube.

Der Hudson Hornet wird nämlich von einem Reihensechszylinder-Motor mit gut fünf Litern Hubraum vorangetrieben und galt zu seiner Zeit als das Auto mit dem grössten Hubraum pro Zylinder. Also zwar kein Big Block V8, aber dennoch ziemlich big. Keine acht Zylinder unter einer Motorhaube brabbeln zu hören, mag manchen amerikanischen Bürger irritiert haben – und wäre vielleicht als ein Zeichen von mangelnder Kraft, ja von fehlender Potenz interpretiert worden, wären da nicht die unzähligen Erfolge des Insekts in der NASCAR-Rennserie gewesen: In den Jahren 1950 bis 1953 fuhren die Hudsons sage und schreibe 108 NASCAR-Siege ein. Kein Konkurrenzprodukt konnte mit einem ähnlich flinken Handling, einem ähnlich tiefen Schwerpunkt – dem so genannten „step-down-design“ – und einer ähnlich robusten Konstruktion aufwarten. Diese Erfolge polierten natürlich das Image der Familienkutsche auf – auch die etwas weniger ansehnliche viertürige Version verkaufte sich in jenen Jahren recht erfolgreich. Ganz getreu dem Motto „Win on Sundays, sell on Mondays“! So freute sich wohl mancher brave Familienvater, wenn er auf dem Highway den Stachel der Hornisse ausfahren konnte. Das bedeutete, dass er per Druck aufs Gaspedal bei 3800 U/min 145 PS zu Werke schickte, die den Trumm auf rund 165 km/h Höchstgeschwindigkeit beschleunigen konnten. Damals, wie gesagt, ganz okay.

Dennoch neigte sich damals schon die eindrückliche Geschichte des Unternehmens Hudson, das 1909 gegründet worden war und 1929 hinter Ford und Chevrolet als dritterfolgreichste Marke über 300'000 Autos verkaufte, ihrem Ende zu. Denn just in jenem erfolgreichsten Jahr 1929 folgte der grosse Börsencrash und die zu lange optimistische Haltung des Hudson-Managements richtete einen Schaden an, der niemals wieder richtig behoben werden konnte. 1957 fusionierte Hudson mit Nash zu AMC und verschwand von der Bildfläche der eigenständigen Automarken.

Heute ein solches Vehikel über kurvige Stressen der verdichteten Schweiz zu bewegen ist zwar etwas grundsätzlich anderes, als auf einem schnurgeraden Highway dem Sonnenuntergang entgegen zu cruisen. Der Fahrer und die weiteren fünf zugelassenen Passagiere, zum Beispiel die ganze Vock-Familie, rutschen dann in Kurven auf den hübsch karierten Stoff-/Leder-Bänken ungehindert durch den grosszügigen Passagierraum und begreifen innert Sekunden den Nutzen der diversen schmucken Handgriffe. Sänftenartig schwebt man über lange und kurze Bodenunebenheiten, eher wähnt man sich in einem grosszügigen Boot, das hin und wieder majestätisch eine lästige Welle zu überwinden hat, als in einem Auto. Und der Langhuber bietet genug Kraft, um das Schwergewicht – mit der zulässigen Zuladung immerhin 2250 kg – einigermassen nachdrücklich voranzutreiben, wenn es denn mal sein muss. Auffällig sind innovative konstruktive Details wie das originale Röhrenradio oder die hydraulischen Scheibenwischer die allesamt in einem top Zustand sind.

Michel liebt die gutmütige Art seiner kernig brummenden Hornisse über alles. Erstaunlich auch, wie sympathisch das Gefährt trotz seiner u-bootmässigen Dimensionen auch in hiesigen Dreissigerzonen und bei Passanten ankommt. Wahrscheinlich ist das dann doch wieder der „Cars“-Effekt, der zum Tragen kommt. Ach ja, falls Sie den Film noch nicht gesehen haben: Er ist wirklich empfehlenswert, sollten Sie einerseits einen Milliliter Benzol im Blut und sich andererseits eine klitzekleine Portion kindliche Begeisterungsfähigkeit bewahrt haben. Viel Spass!

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