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Fiat 500
Als Valentin seiner Frau deren seit langem gehegten Traum eines Fiat 500 Giardinera, also der Kombiversion des in seiner Zeit abschätzig "Tschinggerucksack" genannten Fiat 500, erfüllte und im Tessin so ein Gefährt abholte, ahnte er nicht, dass ihn eine gut vierjährige Restaurationsodyssee erwartete. Bei einer spezialisierten Garage in Delémont klärte man ihn auf, dass an dem niedlichen Dingelchen mehr oder weniger alles morsch und baufällig sei. Als Architekt schreckte ihn das nicht: Regelmässig reiste er an den Wochenenden von Basel in den Jura und legte selber Hand an. Teile mussten mühsam und auf kreativen Umwegen gesucht werden. Denn weil der Motor nicht wie bei der normalen Version aufrecht im Stummelheck sitzen kann, sondern wegen des benötigten Platzes für den richtig erwachsenen und flachen Kofferraum als Unterflurmotor mit 2 liegenden Zylindern und Luftkühlung unter den Boden rutschen musste, ist die Konstruktion in vielen Punkten eine völlig andere als beim kommunen Fiat 500. Gleichzeitig gab es natürlich viel weniger Giardineras und entsprechend schwierig ist die aktuelle Ersatzteillage.
Heute ist Valentins Giardinera in einer Verfassung, die um einiges besser sein dürfte als diejenige, in welcher er im ersten Baujahr 1960 in Turin vom Band lief. Perfekt glänzt und funkelt das Wägelchen, als es dahergezuckelt kommt, um meine Wenigkeit und ihre 195 Zentimeter abzuholen. Ich sehe dem Einstiegsprozedere angesichts der Ausmasse der Kiste skeptisch entgegen. Doch nichts da: Prima rutsche ich in die Karikatur von Sitz, dessen Rückenlehne mir knapp bis unter die Schulterblätter reicht, und staune über die Bein- und Kopffreiheit. Mir kommen diverse Szenen aus dem Film "Le Grand Bleu" in den Sinn, in welchen der grandiose, hünenhafte Jean Reno in einem Fiat 500 unterwegs ist, seine Taucherausrüstung im Anhängerchen hinter sich herschleppend. Den hätte er sich mit dem Giardinera sparen können, denn nach einem Blick nach hinten ist klar: Ein regelrechter vierplätziger Kombi ist das!
In der Tat bestätigt mir Valentin, dass in dem Auto locker seine zwei Kinder in ihren Kindersitzen auf der Rücksitzbank und der Picknickkorb und der Kinderwagen im Kofferraum Platz finden. So nutzt seine Familie den Fiat denn auch regelmässig für Fahrten in der Stadt und ihrer Umgebung. Und Valentin fährt damit jahrein jahraus auf die Baustellen. Die Reaktionen seien euphorisch. Derweil er Planrollen und durchaus auch sperrige Gerätschaften aus dem Kofferraum zaubere, kämen Bauarbeiter truppweise daher und würden mit schwielenbedeckten Händen und unter Ausstoss gutturaler Koselaute über die - davor - weisse Karosse streicheln, während Bauherren zufrieden zur Kenntnis nähmen, dass ihr Architektenhonorar nicht in irgendeinen grosskotzigen SUV verlocht wird.
Mir schwant langsam aber sicher, dass ich in der Urversion des sparsamen, familientauglichen Vans Platz genommen habe. Zu einem raisonablen Preis konnte man sich vor vierzig Jahren mit dem Giardinera ein Mobil zulegen, in dem die vierköpfige Familie und ihr nötiges Gepäck Platz findet. Mit sechs Litern Verbrauch war man zudem auch noch sparsam unterwegs. Gut, setzt man diesen Durst in Relation zu seinen sagenhaften 16 PS, dann wären heutige Kombis mit Dutzenden von Litern auf 100 Kilometer unterwegs. Aber das ist alles Zahlenspielerei. Das Erlebnis zählt. Und das geht so: Anlasser betätigen und sofort nimmt im Rücken der unsäglich kleine Motor mit infernalischem Radau seinen Dienst auf. Die Welt beginnt zu rattern und knattern und fängt an, sich wie in Zeitlupe hinter den kleinen an Luken gemahnenden Fenstern vorbeizubewegen. Jahreszeiten scheinen ins Land zu ziehen, bis man die 4 Gänge durchgeschaltet hat und unter bombastischem Dröhnen die Höchstgeschwindigkeit von rund 90 Stundenkilometern erreicht. Auf den 125er-Reifchen fliegen wir wie auf Schienen durch Kurven, Bodenunebenheiten bringen die Kiste ins Hoppeln. Aber trotz oder gerade wegen dieser schieren Unperfektion können Valentin und ich das Grinsen nicht mehr von unseren Gesichtern verbannen. Und die Leute, denen wir begegnen, ebenfalls nicht. Man kann sich dem Charme dieses Vehikelchens einfach nicht entziehen. Weder drin sitzend, noch wenn es an einem vorbeikeucht.
Valentin fährt übrigens auch noch einen weniger sparsamen Familienwagen. Einen schönen, modernen VW Touran. Mit dem ist er sehr zufrieden. Aber der bringt ihn nicht zum Lächeln. Geschweige denn zum Grinsen.
Aus: SwissClassics - Das Oldtimermagazin der Schweiz, Heft 14-2/2007.
Autor: Christoph von Arb


